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Die Wiege der Posaunenchöre

Wer kennt ihn nicht, Pafstor Johannes Kuhlo, der als "westfälischer Posaunengeneral" eine Epoche in der evangelischen Posaunenarbeit prägte. Doch wie und wo entwickelten sich die Posaunenchöre vor Kuhlo, der seit Beginn der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts die Posaunenchorarbeit in Westfalen und weit über dessen Grenzen hinaus prägte. Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir das Rad der Geschichte noch einmal um gute einhundert Jahre zurückdrehen.

 

Auf dem Pfarrhausboden in einem sächsischen Dorf fanden sich unter allerlei Gerümpel vier Naturtrompeten. Könnten diese Zeugen erster kirchlicher Trompetenklänge reden, wüssten wir mehr darüber, zu welchen Fest- und Feierlagen der Jahre 1750 bis 1770 ihr Schall erklungen ist. Aber auch aus dem Rheinland sind Berichte bekannt, in denen schon um 1770 Posaunen zur Verkündigung Gottes Wort zu hören waren. Wiederum in Sachsen wurde berichtet, dass sich 1766 fünf "Häußler und Weber" zusammentaten, Posaunen kauften und auf eigene Rechnung das Blasen erlernten, damit "die Sache selbst Gott zu Ehren und der hiesigen Kirche zu Ruhm gereiche". Zu Beginn des 19.Jahrhunderts entstehen in vielen Orten "Posaunistenchöre", von deren damaligen Wirken eigens geschaffene "Statute" noch heute zeugen. Solche "Posaunistenchöre" haben zum Teil noch weit bis in unser Jahrhundert gewirkt. So ist es auch zu verstehen, dass sich aus dieser Bezeichnung der heutige Begriff des "Posaunenchores" abgeleitet hat, obwohl doch nur ein geringer Teil der B1äser in den Chören die schwierig zu erlernenden Posaunen blasen. Unter anderem hat Martin Luther bei seiner Bibelübersetzung das Wort "Schofar" (kult. Instrument des israel. Volkes; eigentlich "Widderhorn") mit "Posaune" übersetzt. Damit war die Gattung Posaunenchor gleichsam theologisch legitimiert. In der Mitte des 19.Jahrhunderts entstanden in Gemeinden Westfalens, Sachsens, des Rheinlandes und auch in Hessen die ersten B1äsergruppen heutiger Prägung. So wurde z.B. der Posaunenchor Balhorn 1864 nach einem Besuch des Gemeindepfarrers in Ebsdorf bei Marburg gegründet. Als Gastprediger des dortigen Missionsfestes lernte dieser die bedeutende Rolle und Musik der B1äsergruppe kennen. Aus verschiedenen Berichten lässt sich auch das Wirken von Posaunenchören in Kassel ab 1880 zurückverfolgen. Namentlich wird 1883 der CVJM-Posaunenchor Kassel Wolfsschlucht erwähnt. Zu Anfang waren viele dieser Chöre, wie wir es aus einer Überlieferung des 1843 gegründeten Posaunenchores Jöllenbeck (Westfalen) kennen, überwiegend mit Posaunen (Alt, Tenor, Bass) besetzt. Der Sopran wurde damals mit einem Klappenhorn dargestellt. Seit dieser Zeit wuchs die Zahl der Posaunenchöre in den Gemeinden stetig an. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts prägte neben Joh. Kuhlo auch Adolf Müller die Posaunenarbeit entscheidend. Ihnen und weiteren "Bläservätern" verdanken wir ein reichhaltiges Repertoire für Posaunenchöre.

Der Druck der Nationalsozialisten machte auch vor den Posaunenchören und ihren Verbänden nicht halt. Vielfach wurden Chöre und Verbände gezwungen, sich in den vom NS-Staat gegründeten Verband Evangelischer Posaunenchöre (VEP) einzugliedern oder sich ganz aufzulösen. Ohne Mitgliedschaft im VEP waren keine öffentlichen Auftritte möglich. Ob die Rolle, die Kuhlo, Bachmann, Müller und andere hierbei gespielt haben, Fluch oder Segen für die Posaunenchöre waren, bleibt eine von zahlreichen unbeantworteten Fragen dieser Zeit. Nach dem Kriege blühte in vielen Posaunenwerken und Verbänden die B1äserarbeit wieder auf und ist heute aus dem kirchlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer Musik wollen die Posaunenchöre einen Beitrag zur Verkündigung des Evangeliums leisten. Der Klang der Instrumente kann bei vielen Menschen der Schlüssel zur frohen Botschaft sein. Durch diesen Auftrag ergibt sich für die Posaunenchöre ein breites Betätigungsfeld, bei dem neben Kurrendeblasen, Serenaden, Einsätzen in Altenheimen und Krankenhäusern, Konzerten und Ständchen der Einsatz im Gottesdienst eine zentrale Aufgabe darstellt. Heute steht den Posaunenchören eine Vielzahl von Literatur zur Verfügung. So lassen sich für jede Aufgabe auch passende Kompositionen aller Epochen vom Choral über Intraden, freie B1äsermusiken, neue geistliche Lieder und Spirituals bis zur Volksmusik finden. Verbunden mit diesen Aufgaben bieten Posaunenchöre vielfach auch auf menschlicher Ebene Spaß am gemeinsamen Musizieren und Lust zur sinnvollen Freizeitgestaltung. Seit September 1994 sind fast alle B1äserinnen und B1äser evangelischer Posaunenchöre unter dem Dach des neugegründeten "Evangelischen Posaunendienstes Deutschland" vereint. Rund 7.000 Posaunenchöre und fast 120.000 Bläser sind in Deutschland der beste Beweis, dass eine mehr als 150 Jahre alte Gemeinschaft auch heute noch große Anziehungskraft besitzt. (Emely Hartenbach)

 
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